… nur unbegründete Lidl-Hetze?

Es ist interessant, die extrem kontroversen Kommentare auf den Seiten von Spiegel & Co. zu lesen, die die Leser dort hinterlassen, zu lesen.
Das Spektrum der Meinungen reicht von “Stasi-Lidi” bis hin zu “armes-geschlagenes-Hündchen-Lidl”.

Deshalb fühle ich mich in der Zwangslage, nach den gestrigen Artikeln doch noch etwas klar zu stellen:

Ja: Auch ich kann es nachvollziehen, dass gerade im Einzelhandel das Bedürfnis der Unternehmensleitung besteht, Mitarbeiter und Kunden zu überwachen. Zu viele Ladendiebstähle, Betrug an den Kassen etc. führen zu Fehlbeträgen in der Unternehmenskasse. Auch zum Beispiel häufige Rauch- oder sonstige Pausen wirken sich natürlich nicht gerade positiv auf die zu erledigende Arbeit aus.

Aber – und hier gibt es mehrere “Abers”:

  • Es muß klare Grenzen der Mitarbeiter- und Kundenüberwachung geben. Auch, wenn der Kunde die Eingabe seiner Geheimzahl mit der anderen Hand abdecken könnte, so ist dennoch die ungehinderte Aufnahme dieser Handlung nicht hinnehmbar.
  • Mit welchem Recht wird – über die Tatsache, das Mitarbeiter xy gerade Pause macht – hinaus auch dokumentiert, was er/sie am Telefon privat bespricht?
  • Warum müssen Mißstände bezüglich z.B. herum liegender Ware (ob falsch im Regal, oder in Pausenräumen) von Detektiven oder Kameras dokumentiert werden. Gibt es für die Beseitigung solcher ungewünschter Dinge nicht einen Filialleiter? Hier sollte mal wieder begonnen werden, Führungskräfte so auszubilden, dass sie in der Lage sind, mit ihren Mitarbeitern zu sprechen und dadurch die Qualität und Leistungen der Filiale zu erhöhen.
  • Warum ist es nicht das gute Recht eines Mitarbeiters, sich über – besonders kurzfristige – Überstunden zu erregen, oder Seminare für nicht gut oder sinnvoll zu halten? So lange das nicht unbedingt direkt vor den Kunden geschieht, halte ich das für normal und erwünscht (auch wenn man heute eher alles denken, aber schon lange nicht mehr alles sagen darf …). Lieber sollte darüber nachgedacht werden, wie man die Mitarbeiter (und vielleicht von oben auch die Führungskräfte) motivieren kann, damit sie nicht mit schlechter Laune die erforderlichen Überstunden “absolvieren”.

Ich halte es für wichtig, solche Situationen, wie sie gerade bei Lidl aufgedeckt wurden, in “voller Schönheit” auf zu zeigen (dass es nun gerade Lidl erwischt hat und nicht einen anderen Discounter ist vermutlich Zufall, oder “gelenkter Zufall” – auf jeden Fall wird es mit Sicherheit nicht der absolute Einzelfall sein). Wir dürfen uns nicht (zu recht) über Pläne zu Datenspeicherung und Überwachung der Bundesregierung aufregen, dies aber eine Minute später bei privaten Unternehmen gut heissen.

Besinnen wir uns auf die fest geschriebenen Rechte und Pflichten: Ein Arbeitgeber hat ggü. seinen Arbeitnehmern eine Fürsorgepflicht – anders herum hat natürlich der Arbeitnehmer auch Treue- und Sorgfaltspflichten. Sollten wir uns nicht lieber mal wieder an diesen Pflichten, die ursprünglich auch mit gewissen Werten und Moralvorstellungen gekoppelt sind, orientieren?

Können wir nicht mal wieder beginnen auch in der Berufswelt mit unserem Gegenüber als Mensch um zu gehen – anstatt nur von Ausbeutern (Arbeitgeber) oder Betrügern (Arbeitnehmer) ausgehend von vorn herein das Schlechteste zu erwarten?

Dieser Lidl-Skandal, der natürlich vollständig aufgeklärt werden muss, sollte als Anlaß dienen, dass zum Beispiel eine Gewerkschaft Ver.di gemeinsam mit den Arbeitgebern und Arbeitgeberverbänden Kampagnen startet, die beide Seiten, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wieder ein wenig näher zusammen bringt. Vielleicht könnte Arbeit dann wieder vielen Menschen deutlich mehr Spaß machen … ?!!!!

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