Kirche – modern und doch konservativ

Die krassen Gegensätze im Bereich der Religion oder besser noch der “Kirchen” irgendwie paradox:

Einerseits steht der Islam immer wieder mit Kritiken aus der westlichen Welt auf der Themenliste (zuletzt durch den anti-islamischen Film des niederländischen Politikers Geert Wilders); wird seit “menschen Gedenken” im nahen Osten um eigentliche Banalitäten, wie einen Landstrich, Krieg geführt.

Andererseits nehmen wir eigentlich alles hin, was uns die großen christlichen Kirchen bieten und für viel Geld – das wir in Form einer Steuer automatisch abführen müssen – als einzige Wahrheit verkaufen.

Die katholische Kirche, die sich seit Jahrhunderten eine unvergleichliche Machtposition geschaffen und mit allen Mitteln bewahrt, hat scheinbar nicht viel am Hut mit der Menschenwürde – zumindest, wenn es um Menschen geht, die nicht vollkommen im Einklang mit den Idealen dieser Kirche überein stimmen.
Es ist vielleicht gar nicht so schlecht manchmal an Altem fest zu halten, aber muss es sich dabei um Abtreibungsverbot, eine Liste verbotener Literatur und ähnliche Einschränkungen handeln? Darf die katholische Kirche wirklich einen Drogerie-Markt vermieten, Kondome zu verkaufen, weil ihr das Gebäude gehört?  

Aber auch die evangelische Kirche modernisiert sich trotz sinkender Gemeindegrößen nur schwerlich.

So musste ich mir in einem Konfirmations-Gottesdienst tatsächlich von einer Pastorin anhören müssen, dass ich die Liebe Gottes nicht verdient hätte, weil ich ja nicht in der Kirche bin. Toll. Das nenne ich weltoffen und großherzig!

Ein Thema der katholischen, wie auch evangeischen Kirche ist das so genannte Thomas Evangelium. Dieses Sammlung von Aussprüchen, die von Jesus selbst stammen sollen wird von beiden Kirchen – also den Institutionen Kirche – nicht anerkannt, weil es in seinem Inhalt zwar die christliche Religion propagiert, aber eine Religion, die keine Gebäude wie Kirchen nötig hat. “Spaltet Holz und ich bin da! Hebt einen Stein auf und ihr werdet mich (dort) finden!” Dies würde also den Verzicht auf die Kirche bedeuten, wenn man die Religion ausüben möchte. Das ist natürlich für die beiden Institutionen der absolute Macht- und damit auch Vermögensverlust.

So wird man im Normalfalle zum Beispiel eher die Möglichkeit haben, für die Taufe einen Ausspruch eines anerkannten Dichters oder Schriftstellers als Taufspruch zu nutzen, als einen religiösen Spruch aus dem Thomas Evangelium.

Beide Kirchen erkennen diese Texte nicht an, weil es die Kirche als Institution in seinen Grundfesten erschüttern würde. Der Vatikan hat es sich seit Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht, Gläubige vor diesem (und anderen) Texten zu schützen, und hat lange Zeit alle Wissenden bekämpft, damit dieses Wissen – wie früher halt üblich – nicht per Erzählung weiter getragen werden konnte.

Aber das ist mir einerlei, weil es Geschichte und unabänderbar ist. Nur warum scheut sich die Kirche eigentlich, heute, in einer Zeit, in der solches Wissen durch die vielen verfügbaren Medien durch die Welt getragen wird, anzuerkennen, was real existiert?

Ich möchte betonen, dass einzelne Pastoren sich dieser Tatsache stellen. Unser neuer Pastor hat nach sehr langen Gesprächen zugestimmt, dass unser Mädchen mit einem Spruch aus diesem Thomas Evangelium getauft wird – wenn auch zögerlich.

Ich freue mich darüber sehr und würde mir diese Offenheit auch von den Kirchenoberhäuptern wünschen, die vermutlich dadurch sogar an Glaubwürdigkeit gewinnen würden.

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